Frau Nothelle-Wildfeuer, stellen Sie sich vor, Sie wachen morgens auf und merken sofort: Die Welt ist über Nacht gerechter geworden. Woran hören, sehen, riechen oder fühlen Sie das?
Ursula Nothelle-Wildfeuer: Vielleicht höre ich im Radio, dass nebenan ein Repair Café eröffnet hat. Dort schrauben Nachbarn und Geflüchtete gemeinsam an alten Toastern oder Fahrrädern, die sonst auf dem Schrottplatz landen würden. Wer etwas beitragen kann, fühlt sich wertvoll und gesehen. Umgekehrt verstehen die Alteingesessenen besser, wie es sich anfühlt, wenn einen die Gesellschaft ablehnt. Ich bin ziemlich sicher, dass man soziale Gerechtigkeit nicht direkt beim Aufwachen spüren kann. Doch was in der Frage anklingt, ist ja vor allem, dass es dabei immer auch um eine Stimmung und ein gesellschaftliches Klima geht – und das spürt man.

Lässt sich soziale Gerechtigkeit nicht in Zahlen messen?
Ursula Nothelle-Wildfeuer: Doch, das kann sogar sinnvoll sein. Prof. Georg Cremer, der frühere Generalsekretär des Deutschen Caritasverbands, widerlegt in seinem jüngsten Buch verbreitete Mythen über unseren Sozialstaat durch Fakten. Er rechnet zum Beispiel vor: Die Schere zwischen Arm und Reich geht seit 20 Jahren gar nicht dauernd weiter auf. Und der Staat gibt heute mit knapp 50 Prozent des Bruttoinlandsprodukts so viel für Soziales aus wie nie zuvor. Verändert haben sich die Verhältnisse, also für welche sozialen Probleme oder Lebenslagen dieses Geld eingesetzt wird und was es bewirkt. Aber die Menschen nehmen das oft anders wahr. Sie sehen Einzelschicksale und Kontraste. Sie fühlen sich nicht mehr gehört oder aus der Mitte verdrängt. Solche negativen Gefühle wiegen psychologisch oft stärker als die Erfahrung, satt und sicher zu sein. Wer das weiß, kann seinen eigenen Schwarz-Weiß-Szenarien etwas entgegensetzen. Man kann auch im Alltag spüren, wie fair oder unfair eine Gesellschaft erlebt wird – einfach daran, wie Menschen miteinander umgehen.
Studientag: Soziale Gerechtigkeit im Dialog
Am 11. Juli 2026 lädt das Bildungswerk der Erzdiözese Freiburg zusammen mit dem Institut für pastorale Bildung nach Radolfzell zu einem theologischen Studientag ein. Thema: „Soziale Gerechtigkeit im Dialog. Wie wir Zusammenhalt neu verhandeln.“ Mit dabei sind Prof. Ursula Nothelle-Wildfeuer (Uni Freiburg) mit theoretischer Tiefe und Martina Kaiser (Caritas Singen-Hegau) mit Praxisbeispielen. Geistliche Impulse rahmen den Tag. Eingeladen sind alle Interessierten, besonders Engagierte aus dem Haupt- und Ehrenamt der kirchlichen offenen Erwachsenenbildung. Für Ehrenamtliche ist die Teilnahme kostenfrei.
Wenn wir beide einen Achtsamkeitskurs für soziale Gerechtigkeit entwickeln würden: Was wäre eine gute Übung? Wie schärfe ich meine Sinne für das, was schon gut läuft oder was als ungerecht erlebt wird?
Ursula Nothelle-Wildfeuer: Es gibt keinen Schalter, den wir umlegen können, um in einer sozial gerechteren Gesellschaft zu landen. Es ist auch keine 180-Grad-Wendung. Entscheidend ist, den Blick zu öffnen und in kleinen Schritten auf andere zugehen. Achten Sie darauf, wie Sie Menschen auf der Straße wahrnehmen. Welche Signale senden sie? Wenn Sie an einer Demo vorbeilaufen: Wissen Sie später noch, was auf den Plakaten stand? Vielleicht sind Sie gestresst und wollen nicht in das Getümmel hinein. Das ist okay. Aber vielleicht fragen Sie jemanden am Rand, worum es geht. So erfahren Sie etwas, das in Ihrem Leben bisher fehlte. Wichtig ist aber auch, Wert zu legen auf tatsächliche Fakten, die belegbar sind, um nicht Emotionen durch Falschinformationen zu schüren, wo Sachlichkeit nottut.

Ursula Nothelle-Wildfeuer: Menschen müssen auf ihre Bedürfnisse aufmerksam machen, sich engagieren und für ihre Rechte kämpfen. Das meine ich in einem guten, nicht ausschließenden Sinne, damit nicht nur Geld und Gewinn das gesellschaftliche Mindset bestimmen. Aber für ein Verständnis von sozialer Gerechtigkeit ist mir der Blick auf das Kämpferische zu wenig. Ich verbinde soziale Gerechtigkeit eher damit, dass sich möglichst unterschiedliche Menschen an Denk-, Erkenntnis- und Bildungsprozessen in unserer Gesellschaft beteiligen können. Und umgekehrt, dass es der machtvolleren Seite gelingt, Beteiligung zu ermöglichen. Das ist nämlich gar nicht so leicht. Da geht es nicht um Massen, auch nicht um den Mainstream der Gesellschaft, sondern gerade um die Gruppen, die von einem Thema existenziell betroffen sind. Sie müssen gehört und gefragt werden. Das heißt selbstverständlich nicht, dass immer alle Bedürfnisse erfüllt werden können. Aber es sollte transparent werden, worum es geht, wo die Nöte der Menschen liegen und weshalb Entscheidungen so und nicht anders getroffen werden.
Haben Sie ein Beispiel?
Ursula Nothelle-Wildfeuer: Ein Bürgermeister hat mir erzählt, wie er mit Menschen seiner Stadt über Tod und Begräbniskultur gesprochen hat: Was braucht es auf den Friedhöfen an Gedenk-, Erinnerungs- und auch Ausruhmöglichkeiten? So kam er mit Trauernden ins Gespräch, deren Angehörige weit entfernt begraben sind oder die anonym bestattet wurden. Ihnen fehlte ein Ort, wo sie mal eine Kerze aufstellen konnten. Der geschärfte Blick für die Bedürfnisse von Trauernden veränderte die Friedhöfe der Stadt. Das finde ich ein großartiges Beispiel: Man spricht über konkrete Probleme, die Betroffene gut benennen können. Gerechtigkeit bedeutet hier, dass Menschen mit ihren Anliegen gesehen und gehört werden, zugleich damit etwas beitragen können zur Gestaltung des Gemeinwesens.
Wenn Sie eine symbolische Handlung setzen könnten, um unsere Gesellschaft gerechter zu machen; welche wäre das?
Ich würde bei jeder Beratung – in der Kommune, der Kirche, der Landesregierung oder Bundesregierung – symbolisch einen leeren Stuhl dazustellen. Der erinnert daran: Es gibt Gruppen, die hier überhaupt nicht repräsentiert sind. Das sind die Marginalisierten, die, die am Rand stehen und die jetzt nichts sagen können. Sie sollen zumindest mitbedacht werden, wenn sie nicht selbst hier sitzen.
Studientag: Soziale Gerechtigkeit im Dialog
Am 11. Juli 2026 lädt das Bildungswerk der Erzdiözese Freiburg zusammen mit dem Institut für pastorale Bildung nach Radolfzell zu einem theologischen Studientag ein. Thema: „Soziale Gerechtigkeit im Dialog. Wie wir Zusammenhalt neu verhandeln.“ Mit dabei sind Prof. Ursula Nothelle-Wildfeuer (Uni Freiburg) mit theoretischer Tiefe und Martina Kaiser (Caritas Singen-Hegau) mit Praxisbeispielen. Geistliche Impulse rahmen den Tag. Eingeladen sind alle Interessierten, besonders Engagierte aus dem Haupt- und Ehrenamt der kirchlichen offenen Erwachsenenbildung. Für Ehrenamtliche ist die Teilnahme kostenfrei.
