Jutta Wiedmann über "Die Nulllinie"
Mitarbeitende und Engagierte des Bildungswerks erzählen, was sie lesen – und was sie daraus lesen. Jutta Wiedmann leitet das Bildungszentrum Pforzheim. Sie stellt ein Buch vor, das seine Leser mit der Wirklichkeit konfrontiert.
Was ich lese – und was ich daraus lese

Jutta Wiedmann leitet das Bildungszentrum Pforzheim
Twardoch, polnischer Bestsellerautor und vielfach preisgekrönt, erschafft die Figur des polnischen Freiwilligen Koń und beschreibt aus dessen Perspektive das Leben und Sterben ukrainischer Soldaten direkt an der Front, an der titelgebenden Nulllinie. Dabei entfaltet er ein Bild, das mich immer wieder an Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“ erinnert – um gleich erschreckt festzustellen, dass sich das Geschehen ja in der Gegenwart abspielt.
Besonders eindrücklich ist die Symbolik des Titels. Im polnischen Original steht das ukrainische Wort „Null“. Hier geht es um das Wesentlichste überhaupt – Sein oder Nichtsein. Wer die Nulllinie verteidigt, so erklärt der Protagonist, der kann paradoxerweise die Todesangst beherrschen mit dem Gedanken, „eigentlich schon tot zu sein“.
Twardochs Stärke ist die Nüchternheit. Er beschreibt, er wertet nicht, er lässt die Realität des Kriegs für sich sprechen. Als Leserin werde ich also nicht belehrt, sondern einfach mit der harten Wirklichkeit konfrontiert.
Zugleich weiß ich, dass der Autor jenseits seiner Literatur klar Position bezieht: Seit Beginn des russischen Angriffskriegs reist er regelmäßig in die Ukraine, unterstützt Armee und Zivilgesellschaft und organisiert Spenden. Dadurch wird deutlich, dass er kein naiver Pazifist ist, sondern überzeugt davon, dass Freiheit verteidigt werden muss – auch wenn das im Roman selbst nur implizit mitschwingt.
Zu Beginn des Kriegs, im Frühjahr 2022, veröffentlichte Twardoch bereits einen wütenden Artikel, in dem er den Begriff „Westsplaining“ prägte: Gemeint ist der belehrende, oft herablassende Ton, mit dem Westeuropäer die Warnungen der osteuropäischen Nachbarstaaten vor der realen Bedrohungslage durch Russland abgetan haben. Beim Lesen des Romans musste ich auch daran denken und es schmerzt besonders die Erkenntnis, dass die Katastrophe des russischen Überfalls hätte abgewendet werden können.
Bildung ist Umblättern im Kopf
Der Bildungsherbst 2025 lädt dazu ein, innezuhalten, neue Gedanken zuzulassen und sich von Büchern, Vorträgen und Gesprächen inspirieren zu lassen. Mitarbeitende und Engagierte des Bildungswerks erzählen, was sie lesen – und was sie daraus lesen. Also wie Bildung ihr Leben, Denken, Fühlen, ihr Engagement und ihre Arbeit verändert.
