Harry, du hast über "Adsorptive Beschichtungen auf Basis von Siloxan-Bindemitteln für Anwendungen in der Wärmeumwandlung“ promoviert. Was sollte jeder Mensch darüber wissen?
Harry Kummer: Man kann Wärme, die ohnehin entsteht, nutzen, um damit zu kühlen oder zu heizen – ganz ohne zusätzlichen Strom. Das funktioniert mit Materialien, die im Inneren so porös sind, dass sie sehr viel Wasser speichern können. Man nennt sie Metallorganische Gerüstverbindungen, oder kurz MOFs. Eine würfelzuckergroße Menge davon hat eine Oberfläche, die einem Fußballfeld entspricht! Trockene MOF können deswegen große Menge Wasser aufnehmen, dabei erhitzen Sie sich. Auf der anderen Seite kann man damit aktiv Wasser verdampfen. Dieser Prozess entzieht der Umgebung Energie, dass man zur Kühlung oder Klimatisierung nutzen kann. Mit Wärme kann man diesen Vorgang rückgängig machen und die MOFs wieder trocknen. In meiner Forschung ging es darum, diese Materialien so zu beschichten, dass der Prozess schneller abläuft. Kurz gesagt: Aus Abwärme – zum Beispiel aus einer Serverfarm oder im Sommer ausreichend vorhanden – wird eine sinnvolle Anwendung gemacht.

Gibt es da Ähnlichkeiten zu deinem Engagement im Bildungswerk Vogtsburg?
Harry Kummer: Ja, auf jeden Fall. In der Forschung bekommt man ein Problem, weiß oft noch nicht, woran es liegt, und muss Stück für Stück herausfinden, wie es funktioniert – man testet, schließt Möglichkeiten aus, schaut, was passiert. Genau das gleiche passiert im Bildungswerk. Wir schauen, welche Angebote und Initiativen es vor Ort schon gibt und wie wir sie stärken können. Oft gibt es Menschen, die das bereits richtig gut machen. Wir helfen dann nur, ihre Ideen größer werden zu lassen. Ein Beispiel ist unser Demokratieseminar: Ich war erst skeptisch, aber dank eines Engagierten, der in dem Thema fit ist und ein starkes Netzwerk mitbringt, ist daraus eine lebendige Gruppe entstanden, mit spannenden Diskussionen über Freiheit, Gleichheit und unsere Demokratie. Die Leute kommen gerne wieder – und es zeigt, wie gut Angebote funktionieren, wenn wir die richtigen Menschen unterstützen.
Wie bist du zum Bildungswerk gekommen?
Harry Kummer: Über unser Repair-Café: Wir veranstalten das viermal im Jahr mit sechs bis acht Helfern, die Menschen bei der Reparatur ihrer Geräte unterstützen. Da bekommt man schon mal etwas in die Hand gedrückt, zum Beispiel eine 1.200-Euro-Kaffeemaschine, bei der der Kundenservice meinte, es lohne sich nicht, sie einzuschicken. Wir haben daran herumgebastelt, ausprobiert – und nach einer halben Stunde war der Fehler gefunden: Ein Kunststoffteil hatte sich verbogen, sodass der Sicherungskontakt nicht richtig schloss und das Gerät nicht erkannte, dass die Ablaufschublade drin ist. Jetzt funktioniert die Kaffeemaschine wieder einwandfrei. Mir macht das richtig Spaß, weil man logisch an eine Sache herangeht und mit wenig Mitteln sehr erfolgreich sein kann.
Was hat das mit Bildung zu tun?
Harry Kummer: Wir unterstützen im Repair-Café auch bei Softwareproblemen. Dabei entdecken Menschen praktische Alternativen – zum Beispiel, dass sie statt Windows auch Linux nutzen können, um langfristig problemlos zu arbeiten. Da geht es über das "Flickwerk" hinaus um digitale Souveränität: Bin ich von Windows abhängig? Bin ich von meinem Smartphone abhängig? Kürzlich habe ich mit der Leiterin unserer Seelsorgeeinheit gesprochen, weil sie Aufklärungsarbeit für Eltern machen möchte: Wie gehe ich mit Bildern meiner Kinder im Netz um? Muss ich die überall verbreiten? Weiß ich, was damit passiert? Auch das Grundverständnis von Datenschutz ist ein wichtiger Bestandteil, den man spielerisch und gemeinsam vermitteln kann. Das ist digitale Kompetenz im kleinen Maßstab – und gleichzeitig Bildung, die selbstständig macht.
Was nimmst du selbst aus dem Ehrenamt mit, was ist der Kern?
Harry Kummer: Ich habe gemerkt, dass ich viel stärker von christlichen Werten geprägt bin, als ich lange dachte. Weniger religiös im klassischen Sinne, aber in der Haltung, dass man nicht nur für sich selbst arbeitet, sondern für ein größeres Ziel. Das Bildungswerk ist dafür ein besonderer Ort: kirchlich, aber gleichzeitig sehr frei, wissenschaftlich, neugierig. Es geht nicht darum, alte Antworten zu wiederholen, sondern wirklich etwas zu lernen und sich weiterzuentwickeln. Das passt gut zu mir.
Was ich schade finde, ist, dass man bei älteren Menschen oft automatisch annimmt, sie hätten Defizite. Dann bietet man Smartphone-Kurse an, in denen man zeigt, wo man welchen Knopf drückt. Ich möchte aber nicht nur in dieser Lehrerrolle sein. Ich merke vielmehr, dass ich von älteren Menschen viel lernen kann. Mein Vorgänger hat mir zum Beispiel mitgegeben, dass man im Ehrenamt nur das macht, was man auch wirklich stemmen kann. Gleichzeitig arbeite ich sehr gerne mit jungen Menschen. Die sind unverbrauchter, bringen neue Ideen und Perspektiven – und da lerne ich selbst unglaublich viel. Für mich bedeutet Bildung nicht, dass man jemanden „auf Stand bringt“, sondern dass man gemeinsam etwas entwickelt.
Und genau da sehe ich großes Potenzial: Statt nur Technik zu erklären, sollten wir viel öfter über die größeren Zusammenhänge sprechen – wie unsere Gesellschaft oder unsere Volkswirtschaft funktionieren und welche Rolle jede und jeder darin spielt. Ich denke viel darüber nach, wie man solche Themen im Bildungswerk gut aufbereiten könnte.
Und genau da sehe ich großes Potenzial: Statt nur Technik zu erklären, sollten wir viel öfter über die größeren Zusammenhänge sprechen – wie unsere Gesellschaft oder unsere Volkswirtschaft funktionieren und welche Rolle jede und jeder darin spielt. Ich denke viel darüber nach, wie man solche Themen im Bildungswerk gut aufbereiten könnte.

