In den Texten entdeckt man das eigene Leben
90 Minuten dauert eine „Session“. Der aus dem Englischen übernommene Begriff „Shared Reading“ wirkt leider etwas gestelzt. „Lesevergnügen“, heißen die gemeinsamen Lese-Treffen an manchen Orten eingedeutscht, oder: „Freude am Lesen“. Was ist das Besondere daran? Bei Margret Ammann hinterließ bereits die erste Session in Heidelberg einen tiefen Eindruck.

Damals war das „gemeinsame Lesen“ gerade über den Kanal gekommen – und die begeisterte Leserin war sofort begeistert von diesem interaktiven Format: gemeinsam ein Gedicht und eine Kurzgeschichte zu lesen und danach darüber zu sprechen. Das Ganze ohne „richtig“ oder „falsch“; eben völlig anders wie in der Schule mit der berühmten Frage: „Was will uns der Autor damit sagen?“ Ohne verpflichtenden literaturgeschichtlichen Überbau.
Stattdessen geht es bei „Shared reading“ auch um das gemeinsame Zuhören, um das gemeinsame Betrachten eines Textes sowie um das Andocken an das eigene Leben. „Wir hatten so eine angenehme Diskussion, die Menschen öffneten sich, obwohl sie sich gar nicht kannten.“ Diese Erfahrung ließ Margret Ammann nicht ruhen. Sie besuchte im Januar 2022 eine dreitägige Ausbildung zur Lesebegleiterin, lernte dort auch Ulrich Neubert vom Neckarelzer Bildungszentrum kennen – und so wanderte das Mit-Lese-Angebot über Neckarbischofsheim in den Elzmündungsraum. Regelmäßig lädt Ammann mittlerweile in der Region zu „Shared Reading Sessions“ ein, sucht im Vorfeld zwei passende Texte aus, ein Gedicht und eine Kurzgeschichte, moderiert, begleitet – und entdeckt auch immer wieder selbst neue Facetten. „Es ist ein Gewinn für alle“, unterstreicht Ammann, „für die, die kommen und für die, die es vorbereiten. Denn wir alle eröffnen gemeinsam neue Zugänge. Die Texte kommen einem dabei sehr nah, es erweitert jedes Mal meinen Horizont.“ Dass sie das ganze Paket ehrenamtlich stemmt, erwähnt Ammann erst auf Nachfrage.
Dass mitunter auch „schwierige Texte“ dabei sind, ist kein Hindernis – im Gegenteil. „Durch den Austausch merken die Teilgeber, ich bin nicht allein. Wir kommen miteinander in Kontakt“, ergänzt Ulrich Neubert, der ebenfalls am Karlstor-Bahnhof den Grundkurs bei Susanne Jung absolvierte. Dass mittlerweile aus den Mosbacher Gruppen bei der Buchhandlung Kindlers und im Bildungszentrum weitere Lesebegleiter gewonnen werden konnten, darüber sind beide sehr erfreut. „Wir treffen uns alle acht Wochen“, beschreibt Ammann den internen Kontakt der Begleiter.
Zurück zur Session. „Es gibt immer eine Tasse Tee und Kekse, es kommt ja aus Großbritannien“, klärt Ulrich Neumann den äußeren Rahmen. Dass das Bildungsformat ohne Gebühren und ohne Anmeldung funktioniert, sei ebenfalls etwas Besonderes. Außerdem gibt es keine große Vorstellungsrunde. „Wir gehen schnell in die Texte rein.“ Diese werden nicht nur ausgeteilt, sie werden zunächst laut vorgelesen, wenig betont, langsam. Leser darf jeder sein, aber keiner muss lesen.
"Unser Motto lautet: Wer zuhört, gehört dazu“, sagt Margret Ammann. Sie liest gerne vor, findet es aber auch toll, vorgelesen zu bekommen. Dieser Genuss widerfahre Erwachsenen heute eher selten. Ammann kam in den späten 1970er-Jahren nach Heidelberg, studierte dort Übersetzungswissenschaften, arbeitete später als Dolmetscherin und wirkte in einem Softwareunternehmen lange Zeit als Ombudsperson. Vielleicht ist es dieses konfliktbewältigende, moderierende Element, welches auch beim Shared Reading als eine verbindende Spur aufleuchtet. „Es geht um das Miteinander. Gute Literatur hat immer einen Blick nach vorn“, findet Ammann. „Wenn ich die Menschen reden lasse, erfahre ich ihre Geschichte. Hier reden wir auch über das, was einen berührt, etwa wenn die Kinder ausziehen. Auch der Tod, Einsamkeit oder Suizid können ein Thema sein.
„Da steckt so viel Bildung drin, obwohl keine draufsteht“, bringt es Ulrich Neubert auf den Punkt. Außerdem merkten alle: „Da steckt eine Kraft drin. Mir macht es schlicht Freude, an Tagen mit Shared Reading geht einfach die Sonne auf.“ Margret Ammann blickt bereits einen Schritt nach vorne. Obschon sie die Infrastrukturen eines Bildungszentrums, eines Mehrgenerationenhauses oder einer Buchhandlung gerne nutzt, träumt sie von Leuten, die im Garten sitzen und lesen und diskutieren: „Shared Reading kann überall stattfinden, wo es von der Atmosphäre passt.“
Dieser Beitrag erschien in der Rhein-Neckar-Zeitung am 21.12.2024
