Rebekka Sommer über "Befreit"

Mitarbeitende und Engagierte des Bildungswerks erzählen, was sie lesen – und was sie daraus lesen. Rebekka Sommer ist im Bildungswerk Ansprechperson für Öffentlichkeitsarbeit. Sie stellt ein Buch vor, das sie versöhnlich macht. 
 
 

Was ich lese – und was ich daraus lese

 
Rebekka Sommer, Ansprechperson für Öffentlichkeitsarbeit im Bildungswerk
Rebekka Sommer ist Ansprechperson für Öffentlichkeitsarbeit im Bildungswerk
Der Grund, weshalb ich dieses Buch gelesen habe, klingt etwas brav: Seit knapp einem Jahr arbeite ich im Bildungswerk und wollte ich damit auseinandersetzen, was Bildung für mich bedeutet. ChatGPT schlug mir – neben einer Reihe nicht existenter Werke – „Befreit. Wie Bildung mir die Welt erschloss“ von Tara Westover vor.
 
Die 39-Jährige hat in Cambridge promoviert und war Stipendiatin in Harvard. Und das, obwohl sie als Kind radikalfundamentalistischer Mormonen aufwuchs, im Heimunterricht kaum Bildung erhielt und mit 17 zum ersten Mal eine staatliche Bildungseinrichtung betrat. In ihrer Autobiografie erzählt sie vom Aufwachsen in dem Selbstverständnis, dass Krankenhäuser, Schulen oder die Verlockung eines Tanzkurses mit anderen Jugendlichen nur dafür gemacht sind, wahrhaftig Gläubige von ihrem Weg abzubringen und abhängig zu machen.
 
Einige Seiten musste ich überspringen, wenn die Autorin von schrecklichsten Verletzungen erzählt, die ihre Mutter mit Homöopathie oder Handauflegen „heilte“. Ich bin – zum Leidwesen mancher Familienmitglieder – in dieser Hinsicht so zart besaitet, dass ich auch beim Netflixen oft vorspule oder mir Augen und Ohren zuhalte, bis mir jemand in die Seite stupst und sagt: „Du kannst wieder gucken.“
 
Was mich besonders bewegt, ist, dass Tara Westover als junge Frau erkannte, dass ihr Vater an einer bipolaren Störung („manisch-depressiv“) erkrankt ist. Über diese Erkenntnis schafft sie es, innerlich Abstand zu gewinnen und ein eigenes Weltbild zu entwickeln – ohne ihre Familie zu verurteilen oder ganz zu verlassen. Selbst der Bruder, der sie über Jahre von der Familie ungehindert misshandelte und ihre (gesunde) Wahrnehmung untergrub, erscheint mir in dem Buch nicht als Bösewicht.
 
Dieses Buch ist versöhnlich. Es hilft mir, zu fragen: Was kann ich tun, um mit mir und der Welt im Reinen zu sein? Wie kann ich jemand sein, der einem schwachen Menschen hilft, noch etwas anderes zu sehen als ein rigides Wertesystem? Vielleicht so wie Taras Mutter, die es doch manchmal schaffte, ihrem Kind etwas zu ermöglichen, was es sich wünschte – wie den Tanzkurs –, wenn auch heimlich, hinter dem Rücken des Ehemanns.
 
Durch eigene Erfahrungen ausgelöst berate ich ehrenamtlich Angehörige von Menschen mit psychischen Erkrankungen. Manchmal frage ich mich, warum eigentlich. Ich glaube, der Grund ist derselbe, weshalb dieses Buch zum Millionen-Bestseller wurde: Weil das Teilen und Annehmen von Erfahrungen hilft, einen eigenen Weg in der Welt zu finden.
 
 


Bildung ist Umblättern im Kopf


Der Bildungsherbst 2025 lädt dazu ein, innezuhalten, neue Gedanken zuzulassen und sich von Büchern, Vorträgen und Gesprächen inspirieren zu lassen. Mitarbeitende und Engagierte des Bildungswerks erzählen, was sie lesen – und was sie daraus lesen. Also wie Bildung ihr Leben, Denken, Fühlen, ihr Engagement und ihre Arbeit verändert.  
 
 

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