Annette Traber über "Später Sturm"
Mitarbeitende und Engagierte des Bildungswerks erzählen, was sie lesen – und was sie daraus lesen. Annette Traber hat kürzlich das Bildungswerk Radolfzell mitgegründet. Sie stellt ein Buch vor, das beschreibt, wie menschlich Menschen handeln können. Der Autor liest am 3. März 2026 in Radolfzell.
Was ich lese – und was ich daraus lese

Annette Traber hat das Bildungswerk Radolfzell mitgegründet.
Das neueste Buch von Thomas Seiterich, "Später Sturm" ist fesselnd geschrieben und lässt sich gut lesen. Manchem Leser, mancher Leserin mag es ähnlich ergehen wie mir: dass er oder sie das Buch erst aus der Hand legt, wenn es ganz gelesen ist.
Ein kleiner Kritikpunkt vorweg: Die äußere Gestaltung empfinde ich als nicht sehr ansprechend; die blutrote Farbe der Schrift auf dem Cover lässt eher an einen Krimi denken als an eine ernsthafte Recherche und mag manche eher abschrecken, als den Blick auf das Buch zu lenken. Und doch lohnt es sich, das Buch zu entdecken: Denn Thomas Seiterich gelingt es, Weltgeschichte und Lokalgeschichte faszinierend zu verweben. Die Schauplätze: München, Dachau, Rom, der Vatikan und das kleine Dorf Kiechlinsbergen im Kaiserstuhl.
Die Hauptpersonen: ein junger Mann, Student, Musikwissenschaftler, vorübergehend im KZ Dachau inhaftiert und dann zur Wehrmacht nach Rom entsendet, und seine Freundin, die aus einer jüdischen Familie stammt und untertauchen muss. Die beiden verlieren sich in den Wirren des Krieges, werden auf ihre je eigene Weise bewahrt und überstehen den Krieg. Diese Liebesgeschichte ist eingebettet in Beschreibungen der Geschichte des jeweiligen Schauplatzes. Wer weiß schon, dass in Kiechlinsbergen ein kleines Dorfschloss jüdischen Flüchtlingen eine Möglichkeit des Untertauchens bot – und dass die katholischen Bewohner des Dorfes vieles wussten, aber schwiegen und dadurch die Menschen schützten? Wer weiß, dass ein Teil der römischen Bevölkerung fraglos und selbstverständlich Juden versteckte? Wer rechnet mit der Möglichkeit, dass ein junger Deutscher von der Wehrmacht in den Vatikan desertiert, dort Asyl und sogar eine Arbeitsstelle bei Radio Vatikan erhält? Wer sieht in Papst Pius XII einen Anderen als den, der sich zu wenig politisch geäußert hat? Auf all diese Aspekte geht Thomas Seiterich ein und wirft ein neues Licht auf sie und die involvierten Personen.
Wie die Geschichte endet, wird hier natürlich nicht verraten ... Doch so viel sei gesagt und festgehalten: ein faszinierendes Buch, das beschreibt, wie in all dem Schrecken und der Unmenschlichkeit Menschen menschlich handeln. Das macht es mir so wertvoll und fordert auf, das eigene Gespür für Humanität zu hinterfragen und weiterzuentwickeln.
Lesung mit Thomas Seiterich
Thomas Seiterich liest aus seinem Buch "Später Sturm": Montag, 2.3.2026, 19:30 Uhr, KunstKulturKirche St. Meinrad, Radolfzell, St. Meinradsplatz.
Bildung ist Umblättern im Kopf
Der Bildungsherbst 2025 lädt dazu ein, innezuhalten, neue Gedanken zuzulassen und sich von Büchern, Vorträgen und Gesprächen inspirieren zu lassen. Mitarbeitende und Engagierte des Bildungswerks erzählen, was sie lesen – und was sie daraus lesen. Also wie Bildung ihr Leben, Denken, Fühlen, ihr Engagement und ihre Arbeit verändert.
