Ulrich Neubert über „Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne“
Mitarbeitende und Engagierte des Bildungswerks erzählen, was sie lesen – und was sie daraus lesen. Ulrich Neubert leitet das Bildungszentrum Mosbach. Er stellt ein Buch vor, das über Freiheit, Freundschaft und das eigene Leben nachdenken lässt.
Was ich lese – und was ich daraus lese

Ich bin immer auf der Suche nach mindestens einer guten Geschichte. Ob als ganzes Buch oder als Auszug oder direkt als abgeschlossene Kurzgeschichte, in die man eintauchen kann, andere Denk-, Sicht und Lebensweisen findet. Dies hat sicher auch damit zu tun, dass ich mich seit einigen Jahren als Leseleitung mit Menschen treffe, um zusammen mit ihnen nach der Methode von Shared Reading© Kurzgeschichten zu lesen, um durch Wortspuren, verrückte Wendungen und unerwartete Ausgänge in den Geschichten der Autorinnen und Autoren neue Gedankeninspiration zu entdecken.
Ganz hervorragend gelingt das bei Saša Stanišić in seinem Buch: Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne. Was für ein Titel! Da möchte man doch gleich fragen: Und wo ist jetzt vorne? Stanišić löst dies natürlich in der Geschichte am Ende auf. Aber das müssen sie, ähnlich wie auch ich, selbst herausfinden.
Das Geschichtenbuch von Stanišić ist tatsächlich so, wie Denis Scheck in der Sendung Druckfrisch sagt: ein „geistfunkelnd und blitzgescheit konstruierte[s] … Buch“. Es ist eine Sammlung ineinander verwobener Geschichten, die von Freundschaft und Freiheit erzählen. Warmherzig und von mitreißender Sprache. Den roten Faden bilden drei Jungs aus prekären Verhältnissen, die in einem Weinberg abhängen und sich einem Gedankenspiel hingeben: Man müsste einen Proberaum für die Zukunft erfinden, in dem man mögliche Varianten seines Lebens erlebt. Sobald man eine gute Variante findet, greift man zu.
Der Roman ist ein Möglichkeitenraum. Darüber hinaus an vielen Stellen tief autobiografisch, was ihn für mich noch interessanter macht, da der Autor in Višegrad im ehemaligen Jugoslawien geboren wurde und mit 14 Jahren nach Deutschland kam. Sein Buch hat mich auch dazu angeregt, meiner, besser, meinen Lebensgeschichte(n), biografieorientiert nachzusinnen. Und mich an die Frage heranzutasten, an welchen Wegkreuzungen des Lebens bin ich wie, wo, mit wem und warum eben in diese Richtung abgebogen, die ich damals eingeschlagen habe und habe anderes nicht wahrgenommen? Was wäre gewesen, wenn ich einen anderen Weg genommen hätte? Die Frage ist vielleicht müßig, jedoch angeregt durch die Kunst der Literatur darf sie auch erträumt werden. Natürlich, im Rückblick lässt sich Leben nicht mehr ändern. Liegengelassene Chancen in der Vergangenheit sind vorbei. Oder anders ausgedrückt: getroffene Entscheidungen haben andere Möglichkeiten eröffnet. Und weil Leben immer nach vorne geschieht, müssen zwei berechtigte Fragen immer wieder gestellt werden: Was mache ich warum? Wofür möchte ich offenbleiben? Welchen meiner Träume kann, sollte, muss ich, darf ich, will ich noch leben und welchen kann, soll, darf ich lassen.
Dem Lesehinweis des Autors, das Buch „bitte der Reihe nach zu lesen“, wegen der vielen einzelnen Geschichten, bin ich gefolgt - obwohl mein Kurzgeschichten-Monk mich beinahe verführt hätte, hier und da, wie z.B. bei „Gegen das Kind im Memory unentschieden holen“ oder bei „Es pfeift der Wind bei Hoher See … “, in einen anderen Kapiteltitel hineinzuspringen. Aber dadurch würden sich die Puzzleteile der Geschichten am Ende nicht zusammensetzen und die Poesie des Romans zunichte gemacht. Auch hier eine Lernkurve: Vertraue dem Autor und seinen Worten.
Der Roman ist ein Zuruf. Geschichten sind Kraftquelle für einen selbst und für ein Miteinander. Die vielen Marker, die ich ins Buch hineingeklebt habe, werden auf jeden Fall Teil einer oder mehrerer Shared Reading Sessions werden. Denn das dortige Lesen und Austauschen eröffnen, wie im Buch auch, Freiheit und Gedanken.
Bildung ist Umblättern im Kopf
Der Bildungsherbst 2025 lädt dazu ein, innezuhalten, neue Gedanken zuzulassen und sich von Büchern, Vorträgen und Gesprächen inspirieren zu lassen. Mitarbeitende und Engagierte des Bildungswerks erzählen, was sie lesen – und was sie daraus lesen. Also wie Bildung ihr Leben, Denken, Fühlen, ihr Engagement und ihre Arbeit verändert.
